"... Leider muß ich nun gestehen, daß Ihr freundlicher Brief mich, wie fast alle Ihre Äußerungen, wieder lediglich zur Kritik und direktem Widerspruch reizt. Daß die Natur grausam sei, habe ich auch schon sagen hören, doch ist gerade das doch wohl eine typisch anthropozentrische Auffassung, und daß die Natur irgendwelche Zwecke habe, glaube ich auch nicht. Sie existiert, sie ist da und ist tätig, und wir gehören dazu und sind immer dann ganz sicher auf dem Holzweg, wenn wir uns über "die Natur" Gedanken machen und sie als etwas Fremdes und Feindliches empfinden. [...]
Sie haben sich seit Monaten mit Inbrunst schönes Wetter für Ihre Sommerferien gewünscht, und nun, wo dieser Wunsch so glänzend in Erfüllung gegangen ist, wissen Sie nur zu klagen. Wenn Sie ausgehen, sehen Sie nur verbrannte Wiesen und eingehende Obstbäume oder Kartoffelstauden. Sehen Sie nicht auch Berge und Gletscher, Bachtäler und Felswände? Und sehen Sie die nicht klarer und leuchtender und farbiger, als irgendjemand sie seit Jahren gesehen hat? Aber davon sagen Sie nichts. Und Sie treffen immer Leute an, die zu klagen haben und unzufrieden sind! Mag der Bauer mit seinen Pflaumen und seinen Futterwiesen recht haben! Aber sehen Sie nicht auch Kranke, die der Sonne herzlich froh sind, Kinder, die sich der glänzenden Ferienzeit mit Jubel freuen, Käfer und Schmetterlinge, Eidechsen und andere Sonnenfreunde, die dies Jahr glänzender und schöner sind und ihres kurzen Lebens froher als je?
Ich muß sagen, mir macht dieser warme Sommer eine mächtige Freude, obwohl ich nicht in den Bergen sitze... und jeden lieben Tag ein paar Stunden im Garten Wasser tragen muß, was bei der Wärme nicht leicht fällt. Dafür hat man doch einmal warm und hell, wie es zum Sommer gehört! Ich gestehe, mir ist schon ein wenig bang auf den Herbst, und da ich nun einmal so schön durchgesonnt bin und mich an Licht und Wärme gewöhnt und verwöhnt habe, fällt mir der Abschied davon schon im voraus so schwer, daß ich beschlossen habe, mich darum zu drücken und im September durchs Rote Meer nach Ceylon und Sumatra zu fahren.
Sie werden nun wieder finden, das sei lauter Widerspruchsgeist bei mir. Aber es ist doch nicht so, wenn ich schon eine gewisse Freude daran habe, Sie immer und immer wieder auf der Seite der Opposition zu sehen und so in einer Art von Antipodenverhältnis zu Ihnen zu stehen. Sehen Sie, Sie stehen immer da, wo getadelt und geklagt wird. Sie sehen nicht den strahlenden Gletscher, sondern den verdorrenden Kartoffelacker, und Sie geben nicht den frohen Kindern, Touristen und Schmetterlingen recht, sondern dem wehklagenden Bauer... Und meine Meinung vom Leben ist nun einmal die, daß es besser ist, da zu stehen, wo die Kinder und Schmetterlinge stehen, daß es besser ist, das Leben und die Natur überall im Recht zu sehen und überall zu billigen, auch wo es mir einmal über die Finger geht. Ich habe auch Nerven, und ich seufze manche Nacht gewaltig, wenn Hitze und Schnaken mich nicht zu Schlaf kommen lassen; aber ich suche nicht, aus meiner Schwäche ein System zu machen und aus meinen Beschwerden Stoff zu Anklagen gegen die Natur. Ich tue das nicht aus Moral oder aus irgendeiner Theorie, sondern weil das Gegenteil keinen Wert hat, weil wir die Natur doch nirgends beeinflussen können. Das einzige, was der Mensch vielleicht ein wenig beeinflussen und regieren kann, ist sein Wille, obwohl auch das ja bezweifelt werden kann. Aber jedenfalls suche ich mein bißchen etwaiger Freiheit dazu anzuwenden, den Willen der Natur zu meinem zu machen und mir einzubilden, es geschehe mit meinem Willen, wenn es schneit oder heiß ist. Ich kämpfe nicht gegen das, was über meinen Kopf hinweg die Natur tut und läßt, sondern gegen das, was in mir selber dieser ewigen Natur widersprechen und mir dadurch das Leben erschweren will. Und das ist der Punkt, auf dem wir auch in Schul- und Erziehungsfragen nie einig werden können. Ich gestehe dem Menschen jedes erdenkliche Recht wider die Natur zu, er darf sie benützen, überlisten, auf seine Mühlen lenken, aber ich finde es schade und törischt, wenn er sein bißchen Geist und Freiheit dazu benützt, sie anzuklagen oder anzuzweifeln oder sich sonst irgendwie theoretisch zu ihr zu stellen. Ich habe vor pessimistischen Philosophien, wenn sie schön und großzügig sind, denselben Respekt wie vor andern, als vor schönen und imponierenden Leistungen des Geistes, aber ich habe für praktischen Pessimismus gar keine Achtung. Sie leiden an diesem Pessimismus, und Sie sind darum nie zufrieden, weil Ihr schöner großer Beruf eigentlich als Voraussetzung gerade das Gegenteil brauchte.
Von Sumatra aus schicke ich Ihnen wieder einmal einen Gruß. Ich weiß nicht, wie es mir dort gehen wird; aber ich habe den Willen, auch dort möglichst zu allem ja zu sagen und möglichst überall zu bleiben Ihr ergebener, doch konsequenter Gegner." Hermann Hesse, 1911
aus "Sommerbriefe"